Im Juni 1993 suchten wir zur Bildung einer großen Wohngemeinschaft ein geeignetes Wohnobjekt.
Dieses hatten wir im Dezember 1993 bezugsfertig umgebaut und renoviert.
Schon damals sprachen wir über eine Namensgebung, wobei der Name innerhalb der ersten Monate des Jahres 1994 entwickelt wurde. Vom Augenblick des ersten Einzugs im Juni 1994 lautete unser Name offiziell "Mehrgenerationenhaus".

Aller Anfang ist schwer!
Achtung, leider wird unsere Idee im ersten Artikel dieser Seite als Altenwohnheim angepriesen.
Der "Tiberbote", eine Lokalzeitschrift Dülmens, schrieb Anfang 1994 folgendes über unsere Idee:

Altenwohnungen mit Familienanschluss

Wohnen im Alter - Nicht isolieren, sondern aktivieren

Familie Weber in Dülmen richtet Bauernhof für Altenwohnungen ein.

 

Obwohl nur einen Katzensprung von der Stadt entfernt, ist der Bauernhof von Adelheid und Bernhard Weber in Leuste nicht leicht zu finden.

Hier hat das Ehepaar aus Castrop-Rauxel einen Bauernhof mit 50.000 qm Land erworben und ist zur Zeit emsig dabei, diesen als Altenwohnheim umzubauen.

"Wir wollen alte Menschen etwas anders unterbringen, als es üblicherweise in Altenheimen der Fall ist", verweist Adelheid Weber auf den ungewöhnlichen Ort für ein Altenwohnheim. Aber nicht nur der Ort ist ungewöhnlich, sondern auch die Ideen über das Zusammenleben mit alten Menschen, weichen vom Üblichen ab.

"Alt sein heißt nicht, dass man allein leben muss", so Frau Weber, "wir bieten auf unserem Hof jedem Bewohner den Familienanschluss an."

Familie Weber zählt 13 Personen, über vier Generationen verteilt. Sieben Kinder und ein Enkelkind bringen Leben auf den Hof und tatkräftige Hilfe, wenn es darum geht, den reibungslosen Ablauf zu gewährleisten.

Adelheid Weber ist der Überzeugung, dass Alt und Jung gut zusammenpassen. Das fängt bei den Mahlzeiten an, die zusammen eingenommen werden können, aber auch gemeinsame Aktivitäten und Teilnahme am alltäglichen Familienleben werden angeboten. Viele alte Menschen haben durchaus ein Bedürfnis auch mit jüngeren Menschen Kontakt zu haben, sie verlieren aber in ihrem normalen Leben immer mehr die Verbindung zu diesen.

"Von einem aktiven Familienleben kann auch eine verjüngende und belebende Wirkung ausgehen", meint Adelheid Weber, "wenn alte Menschen spüren, dass sie gebraucht werden - und das geschieht in der Familie sehr schnell - dann geht davon auch eine positive Wirkung auf das Leben im Alter aus."

Acht Bewohnern wird der Bauernhof einmal Platz bieten; die Pflege und Betreuung wird durch eine ausgebildete Altenpflegerin sichergestellt.. Die Bewohner können den Bauernhof als ihr Zuhause betrachten, einen Garten auf dem großen Grundstück anlegen oder auch Tiere halten, wenn sie es wollen. Für Männer steht eine komplette Holz und Metallwerkstatt zur Verfügung. Für die weiblichen Bewohner sollen Handarbeitskurse in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen organisiert werden.

Interessant ist auch das Konzept der "ambulanten Betreuung", dass Adelheid Weber so erläutert:
"Wir sehen es gern, wenn die alten Menschen, die bei uns wohnen und betreut werden, Besuch bekommen. Das können Verwandte sein, aber auch Freunde im gleichen Alter, die vielleicht noch allein wohnen. Sie können sich hier treffen und ihre Freizeit verbringen.
Darüber hinaus bieten wir auch die stundenweise Betreuung für alte Menschen an. Wer schon selbst jemanden gepflegt hat, weiß, dass man manchmal am Rande seiner Kräfte steht. Das eigene Leben wird hintenan gestellt, und viele Kontakte, die jeder braucht, gehen verloren. Da mag es für manchen eine große Hilfe sein, wenn man sich einfach mal nachmittags mit Freunden und Bekannten zu einer Tasse Kaffee trifft."

Adelheid Weber hofft, dass auch diese stundenweise betreuten Menschen Kontakte zu den Bewohnern des Hofes finden und somit für sie selbst auch eine Abwechslung in ihrem Alltag stattfindet.

 
Leider trifft dieser Artikel, wie bereits Eingangs erwähnt, nicht den Kern unserer Mehrgenerationen-Idee, was nach Betrachtung des Erscheinungsjahres allerdings auch nicht verwunderlich erscheint, da zu diesem Zeitpunkt außer uns noch niemand über "Das Mehrgenerationenhaus" sprach.
Dies wird unserer Meinung nach auch an der
Präsenz des Wortes "Altenheim" innerhalb des Artikels deutlich, denn unser Haus sollte niemals ein Altenheim sein, eine gesetzliche Grundlage war jedoch für das Mehrgenerationenhaus noch nicht geschaffen.
Es sollte immer ein (Wohn-)Haus für alle Generationen sein.
Wer besonderes Augenmerk auf unsere Ziele der Integration legt, derer im Artikel schon mehrere aufgezählt werden, stellt dennoch schnell fest, dass wir bereits damals auf dem richtigen Weg waren.

Kurz nach diesem Artikel zog im Juni 1994 unsere erste Bewohnerin ein.




Am 24. April 1996 veröffentlicht die "Bild-Zeitung" folgenden Artikel über unser Projekt.
Auch er trifft noch nicht ganz den Kern unserer Sache - kommt dieser aber wieder ein Stückchen näher.

Pflege einmal anders

Bauernhof der Alten – hier lachen auch Kinder

 

Dülmen – Es geht auch anders, Herr Blüm…

Ein großer alter Bauernhof bei Dülmen. Eingebettet in 50.000 qm Landschaft. Wald und Wiesen, auf denen sich zwei Katzen, drei Hunde, ein Pony, Hühner und zwei Hängebauchschweine tummeln.

In dieser Idylle haben sich Adelheid (47) und Bernhard Weber (53) ihren Lebenstraum erfüllt: anderen zu helfen. Sie betreuen pflegebedürftige und alte Menschen, die nicht mehr allein leben können.

 

Ohne staatliche Zuschüsse, ganz auf sich allein gestellt.

 

„Ich hab schon immer ein Herz für andere gehabt“, sagt Adelheid Weber. Die kaufmännische Angestellte betreute Pflegekinder – neben ihren vier eigenen. Und eine Dame (87) die sie acht Jahre umsorgte wie ihre eigene Mutter.

Dabei merkte sie: Es gibt so viele einsame alte Menschen, die Hilfe benötigen. Adelheid Weber zog die Konsequenzen, kaufte den alten Hof  und baute ihn mit ihrer Familie zu einem Vier-Generationen-Haus aus.

 

Heute leben hier 20 Personen. Von 3 bis 89 Jahren. Betreutes Wohnen, von der Caritas medizinisch unterstützt.

Die kleine Julia und ihr 'Freund' Hermann Schumacher
Päuschen nach einem Spaziergang: Julia (3) zeigt Hermann Schumacher ihren Lieblings-Teddy. Die beiden verstehen sich prächtig - trotz 86 Jahren Altersunterschied.

Probleme mit dem Zusammenleben? Adelheid Weber schmunzelt: „Natürlich, wie in jeder Großfamilie“.

Denn das sind sie, und so fühlen sie sich auch: „Welch ein Glück, dass wir Adelheid und Bernhard Weber gefunden haben“, sagt Hermann Schumacher (89). Er ist Senior im Haus und wird von Webers Enkelin Julia (3) immer wieder zum Kartenspielen herausgefordert. „Hier kann jeder machen, was er will. Wir sitzen viel im Wohnzimmer, reden und spielen. Wer keine Lust hat, macht’s sich eben auf seinem Zimmer bequem.“

 

Der Bauernhof – kein Heim, sondern ein Zuhause. Jung hilft Alt und Alt hilft Jung – die Rechnung geht auf. „Wir wollen denjenigen eine Familie bieten, die plötzlich krank werden und in ein Heim abgeschoben werden sollen.“

 

Und das betrifft alle Altersstufen: „Unser jüngster ist 52 Jahre alt“, so Bernhard Weber. „Aber Schwerstpflegefälle dürfen wir nicht mehr aufnehmen.“

Das will die Stadt Dülmen so. Die hatte nämlich gedroht, den Hof zu schließen: „Weil wir keine Ausbildung haben.“

Doch dann kam der Stadtdirektor persönlich vorbei – und war sofort begeistert von der Heim-Alternative Großfamilie.

 

Das große Geld, das verdienen die Webers nicht: „Wir können unsere Kosten decken. Denn ich würde niemanden wegschicken, nur weil er eine kleine Rente hat.“




So schrieb denn auch 1997, kurz nach dem Erscheinen des Artikels der Bild-Zeitung die Zeitschrift "Christliche Familie" den folgenden Artikel, der unsere Ziele schon sehr viel deutlicher macht:

Vier Generationen leben unter einem Dach

Familie Weber bietet private Alternative zum Alten- und Pflegeheim

In der hellen Diele sitzen zwölf Männer und Frauen beim Mittagessen. Die lange Tafel ist aus mehreren Tischen zusammengestellt. Auf den rot-weiß-karierten Tischdecken stehen Schüsseln mit dampfenden Kartoffeln, Fleisch und Gemüse. "Soll ich Ihnen helfen, Herr Schumacher?" Besorgt beugt sich Christiane Weber (31) über den Tisch und reicht dem 90jährigen Hermann Schumacher die Schüssel. Die 4jährige Julia braucht Nachschlag und bittet um die Kartoffeln. Adelheid Weber schiebt ihrer Enkelin die gewünschte Schüssel zu, unterhält sich dann weiter mit ihrer Tischnachbarin. Immer wieder schweift der Blick von Adelheid Weber über den Tisch, um sich zu vergewissern, dass alle versorgt sind. Wie jede aufmerksame Gastgeberin möchte die 48jährige sicher sein, dass die Gäste sich wohl fühlen.

Was aussieht wie ein besonderes Essen, ist für sie und alle anderen, die in der Diele versammelt sind, alltäglich. Seit vier Jahren wohnen Adelheid Weber und ihre Familie in einem alten Bauernhof in Dülmen im Münsterland. Zur Familie gehören nicht nur ihr Mann Bernhard und ihr Bruder Heinz-Udo Pollak, die Kinder Christiane, Volker, Stephan und Jörg, die Pflegekinder Andreas, Stefan und Sabrina, sondern auch die acht Frauen und Männer, die sich entschlossen haben, auf dem Weberschen Hof zu leben.

Als Alternative hätten sie nur in ein Alten- oder Pflegeheim ziehen können. Und dabei sind nicht alle so alt wie Hermann Schumacher: Helmut Rüsch ist 54 Jahre alt. Er kommt aus Dülmen und hat bis vor zwei Jahren mit seinen Brüdern zusammengelebt. Dann kam es zu Streitereien und Helmut Rüsch suchte ein neues Zuhause, in dem er in Ruhe leben konnte. Auf dem Hof der Webers hat er alles was er braucht: ein eigenes Zimmer, jemand der sich um sein Essen und die Wäsche kümmert - und natürlich Familienanschluss.

Auch Bernhard Zwänger ist froh, bei den Webers eine Unterkunft gefunden zu haben. Bevor der 55jährige nach Dülmen zog, hatte er keine Perspektive: Arbeitslos, ohne Chance einen Job zu finden und eine Familie, die ihn in dieser Situation unterstützt hätte, gibt es auch nicht. Nach ein paar Wochen auf dem Bauernhof hat er sich mit den Bewohnern angefreundet, hält hin und wieder ein Schwätzchen und packt überall mit an, wo es was zu tun gibt.

Und zu tun gibt es eine Menge. "Der Hof hat über 600 Quadratmeter Wohnfläche und dazu gehören 50.000 Quadratmeter Land, da hat man immer was zu tun", schmunzelt Adelheid Weber. Sie ist zufrieden, wenn alle sich in ihrem Haus wohlfühlen, "mit der Arbeit wird man schon irgendwie fertig."

Für Adelheid Weber ist mit dem Kauf des Bauernhofes ein Traum in Erfüllung gegangen. "Ich habe mich schon immer damit beschäftigt, wie jung und alt zusammen leben können", erzählt sie. "Angefangen hat bei meinem Mann und mir alles mit den Pflegekindern. Nach der Geburt meines jüngsten Sohnes habe ich mitbekommen, dass eine Mutter ihren Säugling im Krankenhaus zurückgelassen hat. Da habe ich den Entschluss gefasst, Pflegekinder aufzunehmen." Ihre Bedenken, ob ihr Mann mit dem Plan einverstanden sei, waren schnell vom Tisch. Seine Reaktion: "Ja, wenn wir genug Platz haben, warum nicht?"

Die Nachbarn hatten nicht immer Verständnis für die Großfamilie. Als die Webers mit vier Kindern und damals zwei Pflegekindern ein Haus in Castrop-Rauxel bezogen, mussten sie sich einige böse Bemerkungen über die Anzahl ihrer Familienmitglieder anhören.

Entmutigen ließ sich Adelheid Weber von solchen Reaktionen nicht - im Gegenteil: 1980 wurde ihr Bruder krank, war mit 41 Jahren an den Rollstuhl gefesselt und auf Hilfe angewiesen.. "Wir hatten gerade unser erstes Pflegekind Andreas aufgenommen," und ich habe mir schon wieder Gedanken gemacht, wie ich Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie mein Bruder, helfen kann." Der Plan, ein Haus zu kaufen, um mit mehreren Generationen darin zu wohnen, nahm immer konkretere Formen an.

Also suchten die Webers im Münsterland nach einem ausbaufähigen Haus und fanden hier im Dezember 1993 ihren Bauernhof. Ein halbes Jahr später waren die Gebäude soweit renoviert, dass die erste Bewohnerin einziehen konnte. Anneliese Sandkühler (55) hörte im Dülmener Krankenhaus von dem außergewöhnlichen Wohnprojekt. Nach und nach bezogen auch die anderen Bewohnerinnen ihre gemütlichen Zimmer.

Ein paar Probleme gibt es für die Webers auch. Die Idee wird nicht als Modellversuch anerkannt, dass heißt, es gibt keine Zuschüsse, die für die weitere Renovierung des Hofes dringend notwendig wären. "Die Stadt Dülmen hat uns schon angedroht, das Haus zu schließen", erzählen Adelheid und Bernhard Weber. "Sie haben bisher nur noch keinen Grund gefunden."

Inzwischen wohnen auf dem Weber-Hof 21 Menschen unter einem Dach. Dass sich alle wohlfühlen, ist beim gemeinsamen Mittagessen nicht zu übersehen. Wie jung und alt miteinander umgehen können, macht die vierjährige Julia vor: "Kommen Sie mit, Herr Schumacher", spricht sie den ältesten Bewohner des Hauses an und fasst ihn ganz selbstverständlich bei der Hand, um ihm Halt zu geben, "ich bringe Sie zu Ihrem Platz."

Lesen Sie hierzu auch den Zuspruch des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahre 2006 der sich insbesondere auch auf den untenstehenden Artikel der "Sozialcourage" bezieht.

 

Lesen Sie auch diesen Artikel über das erste Mehrgenerationenhaus Deutschlands.

Erschienen am 29. Juli 1999 !!

Mitglieder der Tauschbörse "Give & Take" trafen sich in Kinderhaus

"Mehrgenerationenhaus" vorgestellt

Kinderhaus (CLA) - Wie immer unter dem Motto "Teilen, Leihen und Tauschen" fand das Sommertreffen der Tauschbörse Münster in der Gaststätte "In't Küörwken' in Kinderhaus statt. Initiatorin Verena Finster hatte erneut zum Erfahrungsaustausch der Mitglieder geladen.

Diesmal stand außerdem die Referentin Adelheid Weber im Mittelpunkt des Abends. Die Pflegemutter berichtete über ein Projekt in Dülmen, in dem sie sich seit fünf Jahren sozial engagiert - das sogenannte "Mehrgenerationenhaus", in dem sie gemeinsam mit ihrem Mann und mehreren Pflegekindern lebt.

Adelheid Weber liegt vor allem das Wohl der "Problemkinder" am Herzen, die sie auf ihrem Bauernhof aufnimmt, um ein Zuhause zu bieten und die Möglichkeit zu geben, sich frei zu entwickeln. Sie möchte Begabungen fördern und kann auf einige positive Erfahrungen in der Vergangenheit zurückgreifen, in der durch die Liebe und Zuwendung der Großfamilie problematische Kinder wieder auf den richtigen Weg gebracht werden konnten.

Die sozioalpädagogische Pflegestelle, wie die Einrichtung von Adelheid Weber seit zwei Jahren offiziell heißt, hat es sich zum Ziel gesetzt, ein "Anders sein" zu akzeptieren und ohne Druckmittel zu unterstützen, wenn die Kinder und Jugendlichen mit Problemen kämpfen müssen.


Wir sind auf dem richtigen Weg!
Der Artikel in der "Sozialcourage" aus dem Jahre 1999.
Das Original finden Sie hier

Eine Familie, die nicht miteinander verwandt ist

Wohnmodell selbst gemacht: In Dülmen leben Generationen unter einem Dach

Großfamilie, Kinderhaus, Altenheim - keine dieser Bezeichnungen passt auf das Gehöft in Dülmen-Leuste. "So etwas wie hier gibt es einfach noch nicht", erklärt Adelheid Weber schlicht, "alle Generationen unter einem Dach!" Verbirgt sich dahinter nur der Traum einer Mutter und Hausfrau, oder ein zukunftsweisendes Modell für gemeinsames Wohnen?

Die gute Stube des Bauernhofes: Im Kamin lodert ein angenehmes Feuer. Ein paar Bewohner sitzen an den Tischen, lesen Zeitung, rauchen oder unterhalten sich leise. Ein Mann trägt einen Stapel Holz herein. Durch eine offene Tür schaue ich in ein Zimmer mit alten, rustikalen Möbeln. Eine ältere Frau liegt gemütlich in Decken gehüllt und beobachtet das Treiben. "Sie leben doch gern, nicht wahr?", fragt sie mich. Hildegard S. genießt das Leben mit ihren 89 Jahren und hat sich ihre humorvolle Art bewahrt. Nur die Runde bei Tisch könnte etwas gesprächiger sein, meint sie. "Sie ist unsere älteste Bewohnerin", erklärt Adelheid Weber später. Die sieben weiteren älteren sind unter 60: so Udo P., der durch einen Berufsunfall auf den Rollstuhl angewiesen ist, der leicht verwirrte Manfred H., der sich auf dem Rückweg vom Briefkasten schon einmal bis nach Rorup verlaufen hat, oder Horst L., der stundenlang lächelnd auf einem Stuhl sitzen kann.

Mittags versammeln sich alle um die zwei Tische. Heute gibt es würzigen Braten mit Kartoffeln und Rosenkohl. Bernhard Weber ist für das Kochen zuständig, und seine Kunst wird allgemein geschätzt. Seine Frau weiß das Engagement ihres Mannes und ihrer vier leiblichen Kinder zu schätzen: "Ohne die Unterstützung meiner Familie wäre diese Wohngemeinschaft undenkbar!"

Doch auch die Bewohner engagieren sich nach ihren Möglichkeiten. Der arbeitslose Bernhard Z. hilft in Haushalt und Garten. Eine Bewohnerin deckt regelmäßig den Tisch. Die Schwiegertochter in spe - zur Zeit auf der Suche nach einer Lehrstelle für Altenpflege - hilft Horst L. bei der Essenseinnahme.

Kaum erheben sich die Erwachsenen vom Tisch, kommen Daniel und David aus der Grundschule. Der Schulbus mit den vier Jugendlichen kommt noch eine Stunde später., während die Grundschüler schon Hausarbeiten machen. "Was soll das heißen? Burgruine? Das kannst du ja selbst nicht lesen", schimpft der Pflegevater, der sich über Daniels Aufgaben beugt.

Einer Ruine gleicht es tatsächlich nicht mehr, das Anwesen in der Bauernschaft Leuste. Bernhard Weber hatte vor fünf Jahren seinen Beruf als Angestellter einer Baufirma aufgegeben und das Gehöft in Eigenleistung umgebaut. Das Stallgebäude wurde zu den Zimmern für die Kinder und Jugendlichen.

Mit den Pflegekindern hatte alles angefangen. Schon in der Eigentumswohnung in Henrichenburg nahm Adelheid Weber schwierige Fälle über das Jugendamt auf. Die Kinder galten als gewalttätig und lernbehindert, bevor sie zu ihr kamen. Für sie ist das kein Wunder, bei den Geschichten, die diese mit alkoholisierten Vätern oder in Kinderheimen erlebt hatten.

Hier auf dem Land können sie sich jetzt nach Herzenslust austoben.

Gleichzeitig lernen sie in der Hausgemeinschaft Respekt und Mithilfe. Für Adelheid Weber sind das Gründe, weshalb die Integration noch nie gescheitert ist. Die Kinder brauchen ältere Bezugspersonen, bei denen sie die Nähe und Zuneigung erfahren können, die ihnen bei den leiblichen Eltern oder im Kinderheim fehlte.

Genau diesen Punkt machen ihr allerdings Stadt und Kreis streitig. Sie wähnen in dem Haus ein verkapptes Altenheim ohne die entsprechenden technischen und personellen Standards. Deshalb sollen die erwachsenen Personen - ob betreuungsbedürftig oder nicht - in öffentliche Einrichtungen gesteckt werden.

"Unsere Bewohner hätten darunter zu leiden, die alten wie die jungen", ist die feste Überzeugung von Adelheid Weber. Hildegard S., die Seniorin, freut sich indes auf ihren nächsten Geburtstag: "Im Juni werde ich 90. Danach will ich nur noch 100 werden."

Bei ihrer Lebensfreude glaube ich ihr sofort, dass ihr Wunsch in Erfüllung geht - im Haus der Generationen.